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Einmal nonstop nach Paris – mit Franzosen auf Reisen

, von  Thomas Wittmann

TGV – Train à grande vitesseBestimmte Rechte vorbehalten von gasdub

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Im Ausland machen sie sich eher rar, in ihrem eigenen Land sind sie dagegen umso reiselustiger. Für Franzosen gibt es eigentlich nur zwei Verkehrsmittel um anständig zu reisen, Air France und den TGV. Zwischen nahezu jeder größeren französischen Stadt (das fängt bei 40.000 Einwohnern an) gibt es eine Flugverbindung mit Air France. Egal ob man vom letzten Kaff an der Côte d’Azur ins hinterste Hinterland der Bretagne möchte - Air France fliegt dich hin, und wenn der Flug auch nur 30 Minuten dauert.

Wer dagegen zu Lande reisen möchte, der nimmt den TVG. Der rast dann nonstop einmal durch die ganze République, sodass die Sitze wackeln und der Schaffner sich anschnallt – Achterbahn mit Looping ist ein Witz dagegen! Das Praktische daran ist, dass der TVG auch wirklich nur einmal hält, nämlich an der Endhaltestelle. Zumindest ist das in Frankreich so. Fährt man dagegen etwa von München nach Paris (ja, tatsächlich fährt einmal am Tag ein TGV), dann hält der Zug in Deutschland an jedem Bahnhof, an dem mehr als drei Häuser stehen. Ab Straßburg dagegen fährt er ohne Halt und mit Höchstgeschwindigkeit durch nach Paris.

Erst richtig interessant wird es, die Franzosen beim Reisen zu beobachten. Es lohnt sich also gleich doppelt den TVG zu nehmen. Anschnallen, Spucktüte bereithalten und los geht’s! In Frankreich haben viele TGV-Bahnhöfe der Einfachheit halber nur zwei Gleise: Eines für Hin und eines für Zurück – Wofür braucht es auch mehr? Selbstverständlich geht es Hin und Zurück nur in die Capitale, nach Paris, na wohin denn sonst?

Also haben wir uns am Bahnhof eingefunden, zu früh, ganze 45 Minuten zu früh. Das kann in Frankreich durchaus ein Problem sein, weil die Gleise erst fünf bis zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges bekannt gegeben werden. Die Franzosen begründen es damit, um flexibler auf die aktuelle Verkehrslage reagieren zu können. Aber so leicht lassen wir uns nicht linken, schließlich findet man das Gleis bei einer Gesamtanzahl von ganzen zweien auch so. Aber psst, keinem weitersagen, sonst wissen es alle und keiner braucht mehr die Gleisanzeigetafeln vor denen man dann (als Franzose) auf die Gleisanzeige bis fünf Minuten vor Abfahrt warten kann. Also wir gehen zum Gleis in Richtung Paris. Dort geht es bereits zu wie auf dem Jahrmarkt, wohlgemerkt eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt.

Ich war wohl nicht der Einzige, der so schlau war, das Gleis auch vorher zu finden. Ein Weilchen später kommt eine Durchsage, dass der Zug in zehn Minuten einfahren wird. Und jetzt geht es so richtig los. So muss man sich wohl während der Stierhatz in Pamplona fühen. Jetzt wird gedrängelt, geschubst und geschoben. Könnte ja passieren, dass man es nicht rechtzeitig in den Zug schafft, denn dieser würde ja niemals solange halten, bis alle eingestiegen sind. Getreu dem Motto „Nach mir die Sintflut“ räumt man mit dem Monster-Hartschalenkoffer im Stechschritt den Weg vor sich frei. Nebenbei bemerkt, in Frankreich kann man nicht TGV fahren ohne eine Sitzplatzreservierung zu haben. Ansonsten wäre die ganze Aufregung durchaus verständlich, wenn es um Sitzplätze ginge.

Endlich geschafft und im Zug eingestiegen, Koffer abgestellt, Sitzplatz gefunden, die Türen schließen sich und wir fahren los – man denkt, es wäre überstanden? – Mais non! On est en France! Erste Durchsage: „Dieser Zug fährt ohne Zwischenhalt direkt nach Paris.“ Ach tatsächlich... Zweite Durchsage: „Dieser TVG hat zwei Teile. Im Teil iDzen können Sie sich entspannen und schlafen. Im Teil iDzap laden wir sie ein, sich zu unterhalten und zu vergnügen. Sie dürfen sich nun vergnügen!“ Und das war kein Witz! Damit man auch weiß, wie das geht, werden Faltblätter mit schematischen Zeichnungen aufgeteilt. Der iDzen, der Schlafzug, wird mit einem Bildchen mit einem schlafenden Männchen mit ausgestreckten Beinen und Schlafbrille dargestellt. Wie langweilig! Was für ein Glück, dass ich im andern Zugteil bin! Der Dzap, der Vergnügungszug, wird erklärt mit einem Bildchen, auf dem sich zwei Männchen mit Saugnapfpeilen beschießen und jeder der beiden hat jeweils ein paar solcher Saugnapfpfeile im Gesicht pappen. Der eine auf Stirn und Nase und der andere auf beiden Wangen.

Nun stelle ich mir vor, wie ich die ältere Dame auf dem Sitz gegenüber von mir mit Saugnapfpfeilen beschieße, die dann auf ihrer Stirn kleben bleiben und sie dann albern dabei lacht. Tja, so vergnügt man sich also in Frankreich! Und ich bestelle dann mal eben eine Packung Pfeile beim Schaffner, kann es kaum erwarten, der alten Dame mit dem Pelzmantel und der Perlenkette einen auf die Stirn zu schießen! Plopp!

Als wäre das nicht schon genug, hat man im TVG das Gefühl in einem Ameisenhaufen zu stecken. Da wird umhergerannt, umgepackt, Essen geholt, Koffer durchgeschoben, Toiletten gesucht, ein Schwätzchen gehalten und alle fünf Minuten kommt der Imbisswagen vorbei und fragt, ob ich immer noch nichts möchte. Keiner, aber wirklich keiner kann die knapp zweistündige Fahrt auf seinem Sitz sitzen bleiben. Den einzigen Ausländer, nämlich mich, erkannte man wohl daran, dass er einfach nur sitzen blieb. Was die Leute in den zwei Stunden Zugfahrt alles im Zug zu erledigen haben, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Aber zumindest wird es nie langweilig und nicht zuletzt auch, weil die Franzosen so kommunikativ sind. Am Ende meiner Fahrt habe ich nicht nur bretonischen Kuchen probiert, sondern wurde auch noch über das französische Steuersystem aufgeklärt. Ja, meine Sitznachbarin war Finanzbeamtin. Und ja, sie wusste, dass der Zug immer auf demselben Gleis nach Paris fährt. Aber jedes Mal ist es doch wieder schön, das Chaos hier zu erleben. „Wir Franzosen machen das schon mit Absicht so!“ – Das glaube ich sofort!

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