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Wie steht es um die EU-Blogosphäre?

Die Macher von Bloggingportal.eu über Einfluss, Reichweite und Zukunft der EU-Blogs.

, von  Vincent Venus

Blogs sind dafür da, die eigene Meinung niederzuschreiben und zu verbreiten. Das ist bei Blogs über die Europäische Union nicht anders. Um den Einfluss, die Reichweite und Zukunft der EU-Blogs geht es im Interview mit den Machern des Bloggingportal.eu, größte Aggregierungsseite zu EU-Blogs im Netz.

Screenshot von Bloggingportal.eu. Die Seite listet Euroblogs nach Sprache, Themen und Herausgeber.

Autoren

  • Bundessekretär der JEF Deutschland | ehemaliger Chefredakteur | MA European Public Affairs, B.A. European Studies, Maastricht University | Spezialisierung: EU Außenpolitik, Politische Kommunikation

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Drei von ihnen befragte ich – natürlich online – zum Stand der europäischen Blogosphäre: Ronny Patz, der auch polscieu.ideasoneurope.eu betreibt, Martin Teubner, er bloggt auf Europaeum.eu, und Andreas Muellerleile, der bei Kosmopolito.org schreibt.

TP: Blogs sind keine Onlineableger von Tageszeitungen. Wer ist dann überhaupt der typische Blog-Leser?

Ronny: Meistens andere Euro-Blogger und alle in der „Brussels Bubble“, was alle einschließt, die sich auch außerhalb der Stadt mit EU-Dingen beschäftigen.

Martin: Ja, eigentlich sind es immer dieselben und natürlich die Twitterlaufkundschaft.

Andreas: Insgesamt ist das wirklich sehr schwierig zu sagen, es hängt einfach vom Thema ab. Europathemen sind ja oft Querschnittsthemen und je mehr ein EU Thema öffentlich diskutiert wird desto mehr Leser bekommen auch EU-Blogs. Meistens sind die Leser dann aber doch aus der „Brussels Bubble“. Nur selten kann man diese durchbrechen.

TP: Ihr listet 890 EU-Blogs auf eurer Seite, wie viele Leute erreichen diese?

Ronny: Das ist sehr unterschiedlich. Von möglicherweise hunderttausenden Lesern im Monat bei einigen wenigen Blogs, die häufig von Journalisten geschrieben werden und daher schon exponiert sind (Jean Quatremer, Charlemagne beim Economist), bis hin zu einigen hundert Lesern im Monat bei kleinen privaten Blogs. Wirkliche Überblicksstatistiken gibt es nicht.

Martin: Nur alle paar Monate schafft es ein Artikel mal in andere Blogs und durchstößt die europapolitische Blase, um in nationale Blogosphären durchzudringen.

Andreas: Ich glaube, die Reichweite ist relativ minimal für einzelne Blogs. Im Moment werden Blogs vor allem Insidern in Brüssel und politisch Interessierten aus den einzelnen Hauptstädten gelesen. Plattformen wie blogactiv.eu oder ideasoneurope.eu sind da natürlich besser aufgestellt.

TP: Wenn die Reichweite so gering ist, können die Blogs die Gatekeeper-Funktion der klassischen Medien dann überhaupt überwinden, wie es oft gesagt wird?

Martin: Nö, wollen Blogger das denn überhaupt? 

Andreas: Ich glaube nicht, dass sie das schaffen. Das liegt aber auch an der geringen Fähigkeit von EU Blogs, Skandale aufzudecken. Es gibt wenige Blogs die wirklich von Insidern in den EU- Institutionen geschrieben werden und dann auch Enthüllungen bringen können. Aber es gibt auch Schwächen bei den Mainstreammedien wenn es um die EU geht – und Blogs können durchaus darauf aufmerksam machen. Es geht vielleicht eher darum den Medien zu zeigen wie man es besser machen könnte. Aber auch hier gilt, dass EU-Blogs immer noch in einer Nische sind – auch wenn es in den letzten Jahren einen kleinen Aufschwung gab.

Ronny: Das Problem ist auch, dass die Gatekeeper-Funktion früher durch die ökonomische Fähigkeit zur Produktion und zur Verbreitung von Inhalten bestimmt wurde, heute wird sie aufmerksamkeitsökonomisch organisiert. Das bedeutet, dass die wenigen Blogs, die größere (oder relevantere) Aufmerksamkeit genießen, zu neuen Gatekeepern werden, also über Themensetzung bestimmen. Der Vorteil für Blogger bleibt, dass sie sich auch Themen zuwenden können, die für die klassischen Medien nicht verwertbar sind. Die Frage ist nur, ob sie dafür die Aufmerksamkeit erhalten. Ich denke, dass wir mit unserem Editors’ Choice auf Bloggingportal.eu Top-Blogger und Nischen-Blogger mischen und damit die Vielfalt zeigen, ohne relevante Diskussionsanstöße zu ignorieren - ob uns das gelingt, sei dahingestellt.

TP: Es heißt oft, Journalisten stünden in einem Krieg mit den Bloggern. Was meint ihr?

Martin: Das sind mittlerweile oft dieselben Personen! Manchmal wird von außen versucht, eine Konkurrenzsituation zu kreieren, die es eigentlich nicht gibt. Vor allem nicht bei EU-Berichterstattung.

Ronny: Ich halte die Debatte auch für überholt. Die meisten Top-Blogger sind selbst Journalisten und außerdem gibt es verhältnismäßig so wenige spezialisierte EU-Journalisten und Euroblogger, dass man sich sowieso nicht die Schau stehlen könnte.

Andreas: Genau, die stehen in einem guten Verhältnis! Wir Blogger sind ja die besten Konsumenten der Journalisten, da wir relativ viel über die EU lesen. Vor allem auf Twitter gibt es regelmäßig Kontakt zwischen Journalisten und Bloggern. Presseanfragen an Blogger gibt es auch oft. Mein Blog wurde zum Beispiel in Ungarische Zeitungen zitiert oder sogar schon im Spiegel. Und selbst nach meinem Post über „Lazy EU Journalism“ gab es durchaus ein gutes Echo aus der Journalistenecke. Ich glaube, wenn man einige Zeit in der „Szene“ ist und sich eine guten Ruf erarbeitet hat, wird man schon ernst genommen.

TP: Die ehemalige EU-Kommissarin Wallström nannte einige Blogs als einflussreich. Beeinflussen Blogs die EU-Gesetzgebung?

Ronny: Die Tatsache, dass Wallström einige Blogs einflussreich genannt hat, heißt noch nicht, dass sie es auch sind. Das Problem ist, dass die Zahl der regelmäßig über konkrete politische Entscheidungsprozesse bloggenden Menschen gering ist, es also für die meisten EU-Entscheidungen keine entsprechende alternativ-mediale Begleitung gibt. Das heißt nicht, dass nicht hin und wieder ein Blogbeitrag Einfluss auf den politischen oder administrativen Prozess nehmen kann, aber systematisch ist das nicht wahrnehmbar.

Der wahrscheinlichste Schritt ist, dass ein Blogbeitrag irgendwie von einem Journalisten gelesen wird, der die Story dann medial fortführt oder dessen Berichterstattung durch einen Blogbeitrag beeinflusst wird. Aber nach meinen Gesprächen mit Journalisten in Brüssel ist die Zahl der Blogs, die sie schon aus Zeitgründen verfolgen können, relativ klein. Was uns zurück zur Gatekeeper-Diskussion führt.

Andreas: Ich sehe das wie Ronny. Es gibt aber Studien (Cap Staff Index), die zeigen, dass eine hohe Anzahl von Politikern und Beamten (vor allem MEP Assistenten) Blogs lesen. Ob diese dann meinungsbildend sind, kann ich nicht sagen. Einfluss auf Gesetzesvorlagen gibt es eigentlich so gut wie gar nicht.

Martin: Nein, definitiv nicht. Es sind höchstens jene Blogger einflussreich, die darüber hinaus noch aktiv sind. 

TP: Was ist eure Zukunftsprognose? Werden die EU-Blogs publikumsstärker oder öffnen sich die klassischen Medien dem Thema EU, berichten mehr, und machen damit die EU-Blogs weniger bedeutsam als primäre Informationsquelle zur EU?

Ronny: Damit Euroblogs relevante Akteure werden, müsste es ihnen entweder gelingen, spezialisierte Nischen zu besetzen, die dann im jeweiligen Politikfeld für Aufmerksamkeit sorgen (z.B. wenn Journalisten mit großer Reichweite auf diese Expertise/Meinungen zurückgreifen). Oder es müsste ihnen gelingen, als aktive Brücke zwischen nationalen und der europäischen „Sphäre“ zu agieren und Debatten in nationale Blogosphären zu tragen oder aus nationalen Blogosphären auf die EU-Ebene zu hieven. Oder sie müssten Skandale ausgraben, aber um solche in der EU zu finden, muss man schon viel Recherche, Geduld und Glück mitbringen. Ob das geschieht? Keine Ahnung.

Martin: Wohl eher nicht, ich stimme Ronny da voll zu.

Andreas: Auf der anderen Seite hat die „Eurokrise“ durchaus das Potential, das Interesse an der EU zu steigern. Blogger machen gerne das was die klassischen Medien nicht machen - oder schlecht machen. In den letzten Wochen und Monaten haben zum Beispiel Ökonomieblogs das durchaus ausgenutzt. Viele Bürger wollten sich ein besseres Bild von Wirtschaftsthemen verschaffen und es gibt jetzt ziemlich viele Ökonomen, die über den Euro sehr detailreich schreiben.

EU Themen sollten idealerweise ja eigentlich nicht nur in „EU-Blogs“ vorkommen, sondern auch in Blogs, die andere Themen bearbeiten. Ich habe ich den Eindruck, dass es in letzter Zeit Bewegung gibt und sich vermehrt allgemeine Politikblogs EU Themen widmen. Dabei geht es zwar meistens um die Europroblematik, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Interesse an der EU doch zunimmt.

Es wird immer eine Nachfrage nach fundierten Meinungen geben - ob das in der Zukunft auf Blogs, Twitter oder Facebook oder irgendwo anders passiert, muss man abwarten. Blogs haben eben den Vorteil dass man längere Argumente ausführen kann und technische alles relativ einfach ist. Blogs können ja nicht nur Informationen liefern sondern auch Meinungen. Wir versuchen auf Bloggingportal.eu diese EU Meinungsbild in den Blogs abzubilden. Die Krise der klassischen Medien wird sich eher noch verstärken, die Kommerzialisierung zunehmen. Da könnte es Blogs durchaus gelingen, bedeutsamer zu werden. Aber man muss auch klar sehen, dass EU Themen nicht zu den Top-Prioritäten der Bürger gehört und es ist daher doch fraglich, ob sich irgendwas ändert in der Zukunft.

TP: Onlinemedien sollen interaktiv sein, daher: Welche Frage habe ich vergessen?

Ronny: Eine generelle Bemerkung: Geht es beim Bloggen überhaupt um Einfluss? Sollten einzelne Menschen, die von niemandem außer durch die Aufmerksamkeit auf sie selbst legitimiert sind, überhaupt mehr Einfluss bekommen? Ich bin da immer vorsichtig.

Wenn ich mir so einen Artikel wie den von Kosmopolito zum Thema „Lazy EU Journalism“ anschaue, der bestimmt tausende Male gelesen wurde und innerhalb von drei Wochen in 7-8 Sprachen übersetzt wurde, dann hat das ganz für sich zu europäischen Diskussionen geführt und pan-Europäische Dynamiken hervorgerufen, die zeigen, dass sich so etwas wie eine gemeinsame Sphäre entwickelt. Das hat mit konkretem politischen Einfluss nichts zu tun. Durch das Bloggen wird man einfach Teil dieser Sphäre, vielleicht schafft man sie auch ein wenig. Also geht es vielleicht nicht darum, seine persönliche Reichweite und seinen Einfluss zu vergrößern, sondern eher darum, die Sphäre an sich zu erweitern, Dinge aus seiner Sicht zu diskutieren oder einfach mit Ähnlichgesinnten online zu diskutieren, ohne dass das sofort die Haltung eines Ministers zu diesen Themen beeinflusst – was nicht heißt, dass es nicht angenehm oder motivierend sein kann, Sachen anzustoßen oder häufig gelesen zu werden.

Andreas: Ich frage mich immer, warum es nicht mehr EU-Blogs auf Deutsch gibt? In Deutschland gibt es da auf jeden Fall noch Potential! Und da kann man auch ganz einfach anfangen: Was macht „mein“ MdEP? Welche Projekte unterstützt die EU in meiner Region und was sind die Probleme? Und dann sind da die großen Themen unsere Zeit: Wie sieht die Zukunft der EU aus? Auch die nächste Europawahl wird hoffentlich interessanter sein, als die letzten Wahlen. Da die klassischen Medien die Europawahlen oft als nationale Wahlen verkaufen, sollten Blogs ein Gegengewicht dazu schaffen.

Vor allem die Leser des Treffpunkt Europa sollten doch ein Interesse daran haben, sich aktiv in die Debatte einzubringen. Blogs sind ein tolles Instrument in die Debatte einzusteigen. Man lernt viele interessante Leute kennen und lernt auch etwas! Es macht Spaß und bringt einen persönlich auch weiter. Und wer weiß, vielleicht kann man so die deutsche Blogosphäre bereichern?

TP: Vielen Dank für das Gespräch.

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