Baltikum: Im Schatten des Bären

, von  Michael Vogtmann

Baltikum: Im Schatten des Bären
Die mittelaltterliche Hermannsfeste steht in der estnischen Stadt Narwa in unmittelbarer Nähe zur russischen Grenze. Foto: © ahenobarbus / Flickr / CC BY 2.0-Lizenz

Nach außen zeigt Europa Geschlossenheit im Umgang mit Russland. Nach innen gibt es aber sehr wohl unterschiedliche Standpunkte. Viele Regierungen möchten den Konflikt nicht eskalieren lassen. Die baltischen Staaten wiederum sehen die eigene Existenz durch Russlands geopolitische Ziele bedroht. Durch die russische Minderheit im Baltikum zeigt sich der Konflikt im Alltag der Menschen.

Europa - gespalten zwischen Ost und West?

Der Ukraine-Konflikt hat die Sicht der Europäer auf Russland verändert. Blickt man hinter die gemeinsame Strategie der Europäischen Union, wird man feststellen, dass die Meinungen dennoch weit auseinander gehen. Europa scheint geteilt zwischen verängstigten postkommunistische Staaten im Osten und pragmatischen bis gleichgültigen Staaten im Westen. Diese Wahrnehmung ist natürlich überspitzt und teilweise auch schlicht falsch: In Ungarn, der Slowakei und Bulgarien will man die guten Beziehungen zu Moskau genau so wenig gefährden wie in Frankreich oder Italien.

Im Osten sind es vor allem Rumänien, Polen und die baltischen Staaten, die im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine klar Stellung beziehen und sich von Putins Reich bedroht fühlen. Natürlich ist die jeweilige Position auch abhängig von den Parteien, die aktuell regieren. Darüber hinaus bestimmen aber auch Kultur, Tradition und Geschichte den jeweiligen Standpunkt zu Russland. Ganz besonders deutlich wird dies im Falle des Baltikum, wo die Geschichte bis heute die außenpolitische Perspektive prägt.

Brennpunkt Baltikum

Zum Baltikum werden die Staaten Litauen, Lettland und Estland gezählt. Im 18. Jahrhundert wurde die Region zwangsweise in das Zarenreich eingegliedert. Es folgte eine kurze Phase der nationalen Staatlichkeit, danach wurden Litauen, Lettland und Estland 1940 wieder von der Sowjetunion annektiert. 1989 protestierten Menschen in einer Kette von Tallinn bis Vilnius für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion, die sich wenige Jahre später auflöste. Dieser kurze Rückblick auf die Geschichte des Baltikum vermittelt einen Eindruck, warum die Menschen dort die Politik der Russischen Föderation in der Ukraine derart besorgt.

Die Sowjets betrieben eine gezielte Ansiedlungspolitik von ethnischen Russen im Baltikum. Die Versuche fruchteten jedoch nicht und führten nur zur Herausbildung einer russischsprachigen Minderheit als Parallelgesellschaft. Das orthodoxe Christentum war den protestantisch geprägten Balten, die sich eher mit dem Norden als mit dem Osten identifizierten, genauso fremd wie die russische Sprache. Überhaupt ist das Thema Sprache bis heute ein großes Politikum.

Von Besatzern zu Nichtbürgern

Die estnische Sprache ist stark mit dem Finnischen verwandt. Lettisch und Litauisch wiederum haben keine enge Verwandtschaft mit irgendeiner anderen europäischen Sprache, geschweige denn mit dem slawischen Russisch. Nach der Unabhängigkeit verfolgten die Regierungen im Baltikum eine nationalistische, teils anti-russisch geprägte Politik, wenn es um Sprache ging.

Im Hinblick auf die Geschichte kann man diese Attitüde sicherlich nachvollziehen. Betrachtet man die Sache aus der Perspektive eines jungen Menschen, der in der Stadt Narwa (Нарва, Narva) geboren wurde, wird die Problematik jedoch recht deutlich. Er lernt als Kind Russisch als Muttersprache wie neunzig Prozent seiner Mitmenschen, wird aber bald feststellen: Mein Staat spricht eine andere Sprache als ich. Er ist kein Migrant, der beschlossen hat seine Heimat zu verlassen, um sich eine neue zu suchen. Wenn er am demokratischen Prozess teilnehmen und seine Rechte als EU-Bürger wahrnehmen will, wird er trotzdem eine für ihn fremde Sprache lernen müssen. In allen drei Staaten des Baltikum wird die russische Minderheit auf die ein oder andere Art diskriminiert. Aber nicht nur ethnische Russen sind Opfer dieser nationalistisch eindimensionalen Politik. Auch die polnische Minderheit in Litauen leidet darunter. In der Vergangenheit sorgte dieses Thema immer wieder für Spannungen zwischen den beiden EU-Mitgliedern Polen und Litauen.

Schritte für die europäische Zukunft des Baltikums

Aktuell fühlen sich die Balten wieder von Russland bedroht. Realistisch betrachtet ist diese Bedrohung nicht allzu groß. Litauen, Lettland und Estland sind NATO-Staaten und Teil der Eurozone. Der beste Schutz vor Russland ist - abgesehen von französischen, britischen und amerikanischen Atombomben - ein vernünftiger Umgang mit der russischen Minderheit im Baltikum. Dabei geht es nicht darum, vor den Drohungen des Kreml zu kuschen. Es geht um Mitmenschlichkeit, Vernunft und um das praktische Zusammenleben in einem multikulturellen Europa. Gleichzeitig nimmt eine integrative Politik Wladimir Putin den Wind aus den Segeln, wenn dieser wieder versucht seine großrussische Propaganda auf dem Rücken von Minderheiten auszutragen.

Ihr Kommentar
  • Am 26. März 2015 um 23:11, von  Ludger Wortmann Als Antwort Baltikum: Im Schatten des Bären

    Lieber Michael, besten Dank für diesen Artikel. Es steht außer Frage, dass mit der russischsprachigen Minderheit im Baltikum wie auch mit allen anderen Minderheiten vernünftig und human umgegangen werden muss. Dass das allerdings Herrn Putin abschrecken würde, ist fraglich. Immerhin ist in der Ukraine Russisch die zweite Nationalsprache, ein Gesetzesvorhaben, diesen im Jahre 2012 eingeführten Status aufzuheben, ist gescheitert. Das hat Herrn Putin nicht daran gehindert, seine Truppen in den „Urlaub“ zu schicken. Dass es in Russland nicht unbedingt eine Randmeinung ist, dass die baltischen Länder eigentlich zu Russland gehören, ist bekannt. Putin selbst bezeichnete den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Dass in Russland Alexander Dugin, der vorgeschlagen hat, gleich ganz Europa zu erobern, eine große Prominenz besitzt, ist auch nicht neu. Es ist fraglich, ob ihre NATO-Mitgliedschaft die Balten wirklich retten würde. Immerhin leuchtet mir nicht ein, warum die westlichen Großmächte wegen dreier unbedeutender Länder einen Krieg mit Russland riskieren sollten. Will man also die Balten wirklich schützen, sollte man möglichst viele NATO-Truppen ins Baltikum schicken, damit jeder Angriff auf das Baltikum sofort alle wichtigen NATO-Staaten in einen Krieg hineinzöge. Diese Gefahr kann jede russische Aggression abschrecken, sodass es gar nicht erst zum Krieg kommen kann.

    Viele Grüße Ludger

  • Am 28. März 2015 um 14:25, von  Michael Vogtmann Als Antwort Baltikum: Im Schatten des Bären

    Danke Ludger für deinen Beitrag. Ich habe im Artikel nicht unbedingt behauptet, dass Putin durch korrekten Umgang mit der russischen Minderherit „abgeschreckt“ werden würde, nur dass es ihm die Sache erschweren würde, die Minderheit zu instrumentalisieren.

    Ich muß dir aber wiedersprechen. Ich denke nicht, dass die meisten Russen glauben, dass „die baltischen Länder eigentlich zu Russland gehören“. Ich weiß nicht wieso du denkst, dass das Mehrheitsmeinung dort ist, vielleicht hast du viele russische Bekannte, ich habe nicht so viele. Jedenfalls denke ich nicht, dass man Baltikum und Ukraine einfach so in einen Topf werfen kann. Die Ukraine ist ein sehr spezieller Fall. Immerhin geht der nationale Gründungsmythos Russlands auf die Kiewer Rus zurück und du kannst davon ausgehen, dass für Nationalisten wie Herr Dugin, dieses Geschichtsdetail eine sehr wichtige Rolle spielt.

    Desweiteren spielt es keine Rolle, was westliche Großmächte wollen, denn sie haben sich in den NATO-Verträgen zum Beistand im Rahmen der kollektiven Selbstverteidigung verpflichtet. Klar, wenn es hart auf hart kommt, könnte man die Verträge auch brechen, aber dann rollt Europa endgültig den roten Teppich für jeden möglichen Invasoren aus. Deshalb sollten die Baltischen Staaten und Polen versuchen anstatt viele NATO-Truppen ins Land zu holen sich lieber paar Atomraketen auszuleihen. Für alle, die es nicht wissen in Belgien, Deutschland und Niederlande lagern je 20 Atomwaffen, in Italien und Türkei jeweils 90, alles keine Atommächte aber NATO-Staaten mit nuklearer Teilhabe. Der Besitz einer Atomrakete ist die deutlichste Botschaft der Stärke die man senden kann.

    Es gibt ein krasses Zitat von Charles de Gaulle über vernünftige atomare Abschreckung: „Ich glaube nicht, dass man ein Volk angreift, welches die Fähigkeit hat, 80 Millionen Russen zu töten, selbst wenn man 800 Millionen Franzosen töten könnte, vorausgesetzt es gäbe 800 Millionen Franzosen.“ Bemerkenswert finde ich das Zitat, weil abgesehen dass De Gaulle den Massenmord an Russen androht, er indirekt gleichzeitig auf das verrückte Wettrüsten zwischen USA und UDSSR anspielt, die zeitweise dermaßen viele Atomwaffen besaßen, um die Menschheit hunderte male auszulöschen, was völliger Nonsens war.

  • Am 28. März 2015 um 16:10, von  Ludger Wortmann Als Antwort Baltikum: Im Schatten des Bären

    Lieber Michael, in der Tat ist es in Russland keine Mehrheitsmeinung, aber, nach Erfahrungen meiner in Russland lebenden Bekannten und nach allem, was man von einigen russischen Politikern hört, zumindest keine Meinung, die Schnappatmung und Entsetzen auslöst, sondern eher eine mögliche Ansicht, die man eben haben kann. Die Ukraine ist sicher ein spezieller Fall, aber auch das Baltikum gehörte lange zu Russland und war eine Quelle (groß-) russischen Stolzes. Natürlich würde man mit dem Brechen des Nordatlantikvertrages den roten Teppich für Invasoren ausrollen, aber das täte man vielleicht lieber, als in einen Krieg mit Russland über vermeintlich unbedeutende Länder zu geraten. Atomare Teilhabe ist eine nette Sache, allerdings werden die Raketen ja nicht von den teilhabenden Ländern, sondern den USA gesteuert, was dasselbe Problem aufwirft. Hätten wir ein europäisches Militär, dem dann die britischen & französischen Atomwaffen gehörten, sähe das ganze natürlich anders aus. Jedenfalls kann ich dir sehr darin zustimmen, dass nukleare Abschreckung eine sehr sinnvolle Sache ist. Erstaunlicherweise halten sehr viele Menschen nukleare Abschreckung für etwas, das gar nicht funktionieren kann, obwohl sie das schon seit 1950 tut. Mehrfache Overkill-Kapazitäten sind natürlicher völliger Kappes, da hast du recht.

  • Am 30. März 2015 um 00:07, von  Michael Vogtmann Als Antwort Baltikum: Im Schatten des Bären

    Viele Leute sind in der Tat schnell abgeschreckt wenn man Atomwaffen in die Diskussion einbaut, aber genau darum geht es ja - Abschreckung. Diese furchtbaren Waffen werden hoffentlich nie wieder nirgendwo eingesetzt, aber wie du sagst, sie haben immerhin seit 1950 dafür gesorgt, dass der kalte Krieg kalt blieb. Vielleicht sollten die Baltischen Staaten zusammen mit Polen selbst Atomwaffen entwickeln, vielleicht mit ein wenig britischer oder französischer Unterstützung.

    Die Sache mit der Europäischen Armee ist gut, aber man müßte zuerst eine Armee parallel zu den nationalen Armeen aufbauen. Und diese Armee sollte eben nicht für Auslandseinsätze genutzt werden, sondern primär für Verteidigung und Katastrphenschutz konzipiert sein. Außerdem könnte die Europäische Union dann eigene Atomwaffen entwickeln, deren Einsatz das Europaparlament beschließen müßte oder im akuten Angriffsfall ein Wehrkommissar. Mit Sicherheit wäre die Union dadurch auf der internationalen Bühne ein Akteur den man nicht leicht übergehen kann.

    Das schwierige an der aktuellen Russland-Situation ist zu unterscheiden zwischen Macho-Kraftmeierei einiger russischer Politiker und tatsächlichen Zielen von Vladimir Putin. Ich persönlich glaube einfach, dass die Ukraine die Rote Linie war bei der Putin das Gefühl hatte reagieren zu müssen. Wirklich viel gewinnen kann er in der Ukraine nicht. Eigentlich hat er schon verloren und die Ukrainer egal ob ethnische Russen oder Ukrainer verlieren mit ihm. Im Endeffekt profitieren doch wieder die USA durch den Konflikt, die Schwächung Russlands und den Bruch Europas mit Russland, der leider als Reaktion nötig war.

    Ich denke das Putin das Baltikum in Ruhe lässt, solange wir uns hier in Europa nicht selbst komplett zerlegen mit Le Pen in Frankreich, AfD in Deutschland und Beppe Grillo in Italien. Diser ganze nationalistische Streit und diese europäische Unkultur seit Ausbruch der Finanzkrise sind eine regelrechte Einladung für russische Expansionsgelüste, mögen sie nun reale Pläne in Schubladen oder feuchte Träume sein.

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