Auf der Suche nach dem Europa der Bürger

Interview mit Daphne Büllesbach

, von  Tobias Sauer

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Auf der Suche nach dem Europa der Bürger
Daphne Büllesbach

Zwölf europäische Städte, zehn Länder und ein Festival: Im Mai versuchte die Organisation European Alternatives, mit dem Transeuropa-Festival kontroverse Themen aus einer europäischen Sichtweise zu betrachten. Wie steht es in Europa um die Medienfreiheit, wie geht Europa mit der Wirtschaftskrise um, werden Migranten und Roma akzeptiert? Während das Festival schon letztes Jahr seine Premiere hatte – damals in vier Städten – war dieses Jahr Berlin zum ersten Mal eine der Veranstaltungsstädte: Auf dem Programm standen Filme, Vorträge und Diskussionsrunden etwa zu Bürgerinitiativen in Europa und weltweit oder zur Antwort der EU auf die nordafrikanische Flüchtlingskrise. Darüber hinaus war das Festival beim Herdelezi Roma-Kulturfestival in Neukölln präsent. Daphne Büllesbach war fast immer mit dabei. Denn die 28-jährige, die in London und Cambridge European Studies und Politik- sowie Sozialwissenschaften studiert hat, ist Koordinatorin des Festivals vor Ort. Mit Treffpunkt Europa sprach sie über die Resonanz des Publikums, die Normalität des europäischen Projekts für die junge Generation und das Ziel einer europäischen Identität.

Treffpunkt Europa: Daphne, das Transeuropa-Festival ist vorbei. Im Rückblick: War es aus deiner Sicht ein Erfolg, oder ist es nicht so gut gelaufen?

Daphne Büllesbach: Aus Berliner Sicht würde ich sagen: ja, auch weil es das erste Mal war, dass wir das Festival auf die Beine gestellt haben. Dazu gehört mehr, als man vielleicht denkt, vor allem in Berlin. Denn hier gibt es so ein Riesenangebot: jeden Abend kann man zu jeder Art von politischer Veranstaltung gehen. Als wir für das Festival eine Diskussion organisiert hatten, gab es allein an diesem Abend vier andere interessante Veranstaltungen, wo man auch hätte hingehen können. Es war deshalb wichtig, mit Partnern zu kooperieren, und das werden wir auch weiterhin machen. Ich finde, das Festival war ein Erfolg, auch wenn teilweise noch mehr Leute hätten kommen können.

War die Resonanz des Publikums aus deiner Sicht nicht ausreichend?

Das würde ich eigentlich nicht sagen, denn die Leute, die da waren, die waren auch engagiert. Wir hatten jedes Mal echt spannende Diskussionen und es kamen immer Leute auf uns zu die meinten: „Das ist ein spannendes Projekt was ihr da macht, wir würden gerne mitmachen!“

Was glaubst du: Warum sind weniger Besucher gekommen, als man hätte vielleicht erhoffen können? Ist das Thema Europa nicht spannend?

Ich glaube schon, dass viele Leute beim Thema oft an Brüssel und Bürokratie denken. Aber es ist vielleicht nicht ganz fair, darin den Grund zu sehen, warum manchmal weniger Leute da waren: Es gibt eben vor allem im Moment so viele Themen, für die man sich engagieren kann. Und wir waren vielleicht auch noch nicht konkret genug. Ich denke, dass man die Leute auch abholen muss, um sie für dieses Thema zu begeistern.

Wenn man sich die Europa-Diskussion anschaut: Welche Themen fehlen? Welche müssten behandelt werden, um in der Bevölkerung ein größeres Interesse zu wecken?

Medienberichterstattung, zumindest Mainstream-Medienberichterstattung, ist sicherlich einseitig und fokussiert auf die Krisenthemen. Wenn man also die ganze Zeit nur von der Euro-Krise hört, die sicher ein super-wichtiges Thema ist, dann ist das kein Thema, mit dem man die Massen begeistern kann. Damit wird man das nicht erreichen, was wir erreichen wollen, dass man eine europäische Öffentlichkeit schafft von interessierten Leuten, die sich als Europäer fühlen, und die auch sagen: Wir wollen über die Nationalstaaten hinaus zusammen kooperieren und wir glauben auch an diese Kooperation und an die Gemeinschaft, die hier existiert.

Würdest du sagen, dass das Projekt der europäischen Einigung gerade bedroht ist?

Das ist eine schwierige Frage, weil man immer aus der eigenen Perspektive argumentiert. Ich bin eine optimistische Person und denke: Nein, wir sind schon so weit fortgeschritten, ich denke nicht, dass das Projekt bedroht ist. Andererseits würde eine Umfrage bei den meisten Leuten wahrscheinlich ergeben: Ich kann mit Europa nichts mehr anfangen. Vielleicht deshalb, weil sich gerade in Krisenzeiten die Leute wieder auf die Nationalstaaten zurückbesinnen. Aber hier muss man unterscheiden: Es gibt ein Europa, das von Politikern gestaltet wird und in dem vor allem die Regierungen kooperieren. Und dieses Europa ist momentan schon belastet und beschädigt, man sieht nicht besonders viel Solidarität. Aber gleichzeitig gibt es auch ein Europa der europäischen Bürger, die sich zwar mit Europa identifizieren können, aber nicht unbedingt mit ihren Regierungen oder der Europäischen Kommission oder generell mit dem Europa in Brüssel. Das sind zwei unterschiedliche Kontexte, und es ist eine Unterscheidung, die uns auch wichtig ist: Wir glauben an die europäische Gemeinschaft, aber stehen dem, was aus Brüssel kommt, kritisch gegenüber.

Ist das eine Frage der Generationen? Haben junge Leute eher ein europäisches Gemeinschaftsgefühl während die Älteren dem eher kritisch gegenüber stehen?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es war ganz interessant: Hier beim Festival wurde Ska Keller, die für die Grünen im Europaparlament sitzt und 30 Jahre alt ist, etwas Ähnliches gefragt. Und sie antwortete, Europa sei für sie Normalität. Ihre 60-jährigen Kollegen meinen immer, es sei etwas total Tolles, dass wir jungen Europäer überhaupt miteinander kommunizieren und das stellen die dann als etwas Besonderes heraus. Aber für uns, für unsere Generation, zumindest für die, die sich das leisten können, ist Kooperation selbstverständlich, wir sind eine Erasmus-Generation. Diese Normalität sollte man nicht unterschätzen: das ist eigentlich unglaublich und natürlich gab‘s das nicht vor 50 Jahren. Für die ältere Generation ist das noch etwas Besonderes, für uns nicht. Das ist ein großer Fortschritt, und das sollte man weitergeben und auch noch mehr Leute in diese Normalität einbeziehen. Die ältere Generation hängt noch immer der Idee nach: Es ist so toll, dass wir jetzt seit 60 Jahren in Europa keinen Krieg mehr hatten. Für uns junge Europäer ist das normal, dem können wir nicht mehr viel abgewinnen. Und da kann der Erfolg ja nicht aufhören. Für uns ist das also eher eine Realität, dass man Grenzen überschreitend kommuniziert und reist.

Findest du es deshalb wichtig, dich bei Transeuropa zu engagieren?

Ich finde, dass die Bevölkerung am europäischen Raum, der ja schon wahnsinnige Integrationsschritte hinter sich hat, noch mehr teilnehmen muss und mitgenommen werden muss. Und wir Jungen haben ja schon viel von diesem Integrationsprozess profitiert. Wichtig wäre, dass man auch in Krisen nicht wieder auf seine nationalistischen Perspektiven zurückfällt, sondern dass es noch normaler wird, dass man sagt: Wir leben in einem europäischen Raum und es müsste noch selbstverständlicher sein, Solidarität zu zeigen mit anderen Ländern und dass es nicht nur einfach heißt: „Wir zahlen für die Krise der Griechen“. Natürlich ist das eine spezielle Frage, natürlich ist da auch extrem viel schief gegangen. Aber wichtig wäre, dass es hier eine, sagen wir mal, „europäische Identität“ gibt, mit der die Leute etwas anfangen können. Das ist sicherlich ein schwieriges Projekt. Außerdem hat der Integrationsprozess nach innen auch dazu beigetragen, dass wir nach außen hin an den Grenzen einen Abschottungsprozess erleben, gegen den wir uns wehren müssen. Dieser Raum in Europa muss auch für andere offen sein, nicht nur für Europäerinnen und Europäer.

Weitere Informationen, Kontakt und Mitmach-Möglichkeiten: www.euroalter.com berlin chez euroalter.com

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