An normalen Tagen verteidigen wir unsere Freiheit oder nicht - an besonderen Tagen erlangen oder verlieren wir sie

, von  Juuso Järviniemi, übersetzt von Patrick Geneit

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An normalen Tagen verteidigen wir unsere Freiheit oder nicht - an besonderen Tagen erlangen oder verlieren wir sie
Massenproteste auf dem Alexanderplatz in Ostberlin am 4. November Fotoquelle: Bundesarchiv Bild 183-1989-1104-437 / Settnik, Bernd / CC BY-SA 3.0 DE

Der 9. November ist ein höchst symbolisches Datum in der Geschichte der westlichen Welt, besonders in Deutschland. Dort ist dieses als der „Schicksalstag“ bekannt. Am 9. November ersetzte die Weimarer Republik die Monarchie im Jahr 1918, Nazi-SA-Truppen griffen Juden und Jüdinnen in der Kristallnacht im Jahr 1938 an und die Berliner Mauer fiel 1989. Vor zwei Jahren erwachten Europäer*innen zu der Nachricht, dass Donald Trump, der sich aktiv sich für eine Mauer zu Mexiko und gegen Minderheiten positionierte, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde.

Dieses Datum symbolisiert das Ringen in der westlichen Welt zwischen verschiedenen Herrschaftsformen – seien sie monarchisch, demokratisch, autoritär oder „illiberal“. Der 9. November ruft uns dazu auf, die Frage zu stellen, in was für einem System wir leben wollen. Es erinnert uns auch daran, dass wir unsere Freiheit am einfachsten verlieren, wenn wir nichts zu ihrer Verteidigung tun und uns entspannt zurücklehnen.

Freiheit muss erlangt und verteidigt werden…

Die moderne Art von Demokratie, die von Europas freiesten Ländern heute genossen wird, wurde nicht einfach so geschenkt. Es gab gewalttätige Rückschritte auf dem Weg und Vorreiter und Befürworter fairer Wahlen und grundlegender Rechte mussten sich mobilisieren, um ihre Ideen zu verteidigen.

Kurz nach dem 9. November 1918 (an dem Tag, als zwei verschiedene Republiken in Berlin ausgerufen wurden), unternahm die kommunistische KPD kontinuierlich Versuche, die Weimarer Republik zu untergraben. Der Hitlerputsch, ein gescheiterter Staatsstreich, geschah vom 8. bis zum 9. November 1923. Spätestens am 9. November 1938 schien klar zu werden, dass die Flamme der Freiheit in Deutschland erloschen wurde. Eine Monarchie nach der Art Wilhelms II. scheint heutzutage gut ad acta gelegt worden zu sein, aber die Demokratie war von zwei unterschiedlichen Extremen angegriffen. Der Erste Weltkrieg war als „der Krieg, der alle Kriege beenden sollte“ gedacht. Wie der Lauf der Geschichte zeigt, endete die Geschichte eben nicht im November 1918 und Kriege sowieso nicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen über halb Europa nochmal vier Jahrzehnte der Diktaturen. Freiheit und Demokratie mussten zurückgewonnen werden. Die Aktionen der polnischen Solidarność waren legendär. Am 4. November 1989 demonstrierten eine halbe Million Menschen gegen eine autoritäre Herrschaft auf dem Alexanderplatz in Ostberlin, „Wir sind das Volk“ ausrufend. Nach fünf Tagen kam der ehrwürdige Moment an der Berliner Mauer. Dieser entstand womöglich als Ergebnis von Günter Schabowskis Tölpelhaftigkeit bei einer Pressekonferenz, aber es war nicht einfach ein Geschenk von „oben“. Der Osten Deutschlands hätte seine Freiheit nicht zurückerlangt, hätten einfache Menschen sich nicht erhoben und ihre Anliegen ausgesprochen.

Nach dem Ende des Kalten Krieges, wurde die Theorie von einem „Ende der Geschichte“ sehr populär. Nun, da der Kommunismus bekämpft war und die einzige mögliche Regierungsform eine liberale Demokratie war, wurde die Theorie von vielen angenommen. Aber wie beim Ersten Weltkrieg, war es auch nicht der Kalte Krieg, der alle Kriege zu beenden vermochte. Ist der Frieden erst einmal gewonnen, muss dieser verteidigt werden, um ihn nicht zu verlieren – egal ob im Jahr 1918, 1923, 1938 oder 2018.

… und das in jeweils unvergesslichen und weniger glanzvollen Momenten

All die oben genannten Beispiele waren Aktionen dramatischer und unkonventioneller Natur. Nicht jeden Tag wird eine neue Republik ausgerufen, ein Staatsstreich bekämpft, Geschäfte von Paramilitärs gestürmt oder eine Mauer erklommen, die zum weltweiten Symbol von Unterdrückung geworden ist. Die Gefahr ist, dass wir uns zu diesen historischen Gegebenheiten distanzieren – dass wir diese außergewöhnlichen Umstände nicht mehr erkennen können, weil wir beispielsweise keine faschistischen Truppen mehr sehen, die nach Rom marschieren.

Tatsächlich ist die Verteidigung von Freiheit und Demokratie tägliche Arbeit. Jede Morgendämmerung weist zu einem Anfang eines neuen stillen Referendums darüber, ob wir noch in einer freien Demokratie oder in einem anderen System leben wollen. Wenn einfache, freiheitsliebende Menschen sich nicht mehr aktiv zeigen, wird schnell die andere Seite gewinnen. Sobald das passiert, wird man hart dafür kämpfen müssen, das Recht für das nächste stille Referendum zu erlangen. Jedes dieser oben beschriebenen historischen Ereignisse war das Ergebnis endloser Stunden und harter Arbeit von Aktivist*innen – zu manchen Epochen war die Arbeit von Demokrat*innen besser und in anderen die von Antidemokrat*innen.

Manchmal, zwischen einem „9. November“ und einem stillen Referendum, da gibt es auch ein Dazwischen. In den Vereinigten Staaten waren die Präsidentschaftswahlen 2016 bei Weitem nicht so dramatisch wie die Kristallnacht, aber es gab eine ergreifendere Atmosphäre demokratischen Notstandes im Vergleich zum üblichen, täglichen Ringen um Freiheit. In diesem November schoss die Wahlbeteiligung in den USA zum ersten Mal über 100 Millionen, zum ersten Mal in der Geschichte der Zwischenwahlen. Für die Europäische Union wird die Beteiligung in den Europawahlen 2019 vergleichbar mit denen der beiden amerikanischen Wahlen sein. Es hängt von den Aktivist*innen und Politiker*innen ab, Europäer*innen dazu zu bringen, ihre Freiheit an der Wahlurne zu verteidigen.

Die anstehenden Europawahlen werden nicht wirklich ein „9. November“ und ein üblicher Frühlingstag im Jahr 2019 sicherlich auch nicht. Wir sollten uns dennoch nicht täuschen, denn: Wenn einfache Menschen nichts tun, könnten wir unsere Freiheit und unsere Lebensweise schneller verlieren, als wir es realisieren könnten. Normalerweise weiß man nichts sicher, bis es zu spät ist. Der beste Weg, verheerende „9. November“-Momente zu verhindern, ist es, jeden Tag so zu leben, als wäre es der 8. November.

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