Aus dem Elsass, in die Welt - Albert Schweitzers Einsatz für den Frieden

, von  Elie Walther, Übersetzt von Sebastian Emde

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Aus dem Elsass, in die Welt - Albert Schweitzers Einsatz für den Frieden
Albert Schweitzer (14. Januar 1875 – 4. September 1965) Foto: Bundesarchiv/Rolf Unterberg/Lizenz

Albert Schweitzer ist seiner Heimat im Herzen Europas - dem Elsass - stets verbunden geblieben. Doch sein Denken und Handeln gingen weit darüber hinaus: Im Laufe seines Lebens versuchte er immer wieder, an den großen Rädern dieser Welt zu drehen – stets auf der Grundlage seines Humanismus und seiner ganz persönlichen pazifistischen Philosophie.

Im Jahr 2020 jährte sich zum 70. Mal die Rede, in der Robert Schuman dafür plädierte, „den ersten Grundstein einer europäischen Föderation, die zur Bewahrung des Friedens unerlässlich ist“, zu schaffen [1]. Doch bevor dieser Friede institutionalisiert werden konnte, musste er erst einmal in den Köpfen der Menschen entstehen. Dazu beigetragen hat Albert Schweitzer, ein wichtiger Theoretiker des Pazifismus. 1875 wurde er als Deutscher geboren, nahm aber am Ende des Ersten Weltkriegs die französische Staatsbürgerschaft an. Somit war sein Schicksal eng mit dem seiner Heimat, dem Elsass des beginnenden 20. Jahrhunderts verbunden. Die europäische „Union“, wie wir sie heute kennen, kannte Schweitzer natürlich nicht und er hat auch nicht an ihrer Entwicklung mitgewirkt. Trotzdem hat er auf seine Weise die Vorarbeit dafür geleistet, indem er bei den Menschen das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer groß angelegten Befriedung geschaffen hat.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandte er sich offen an die Anführer der Großmächte. Obwohl Schweitzer in den letzten Jahren seines Lebens noch Zeuge der Entstehung des europäischen Projekts war, erlebte er doch hauptsächlich das Scheitern einer Weltordnung. Nachdem die beiden großen Weltkonflikte beendet waren, entstanden zahlreiche internationale Organisationen, die von Schweitzer kritisch analysiert wurden. Durch sein Handeln und seine Philosophie bewegte er seine Zeitgenossen dazu, über die Errichtung eines dauerhaften Friedens nachzudenken.

Die Wurzeln seiner Philosophie

Theologe, Seelsorger, Philosoph und renommierter Musiker: die vielen verschiedenen Seiten Albert Schweitzers machten ihn zur Ikone. Obwohl alle diese Elemente miteinander verknüpft waren, war es vor allem seine Tätigkeit als Arzt, die im Mittelpunkt seines Engagements stand und ihn zu internationalem Ruhm führte. 1913 setzte er mit dem Passagierschiff „Europa“ nach Gabun in Westafrika über. Den größten Teil seines Lebens verbrachte der elsässische Arzt weit weg vom Alten Kontinent. In Lambarene gründete er das Krankenhaus, das ihm weltweite Anerkennung bescherte und für viele zum Vater der modernen humanitären Hilfe machte.

Prägende Einflüsse des späteren Nobelpreisträgers lassen sich in seiner Ausbildung an den Ufern des Rheins wiederfinden. In Straßburg und Tübingen wurde er von deutschen Meistern in Philosophie, Theologie und Exegese unterrichtet. Als Verehrer Goethes und Kind des liberalen Protestantismus, berührt von der Botschaft der Evangelien, wollte er schon früh ein christliches Ideal von Gerechtigkeit und Humanität entwickeln – eine innere Berufung, die wenige Jahre später durch den Krieg untergraben wurde. Nachdem er als Deutscher und Elsässer in Frankreich interniert worden war, kehrte er 1918 in seine Heimat zurück und diente dort eine Zeit lang als Vikar, predigte über die Verantwortung aller europäischen Nationen in diesem „Großen Krieg“ und plädierte für die Versöhnung der Menschheit – im Sinne des Gebots „Du sollst nicht töten" [2]. Wieder zurück in Afrika, entwickelte er das Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“ für eine sogenannte elementare und universelle Ethik. Dieser Gedanke, der Schweitzer zufolge, die Genesung der Menschheit einleiten würde, nahm einen zentralen Platz in seiner „Kulturphilosophie“ (1923) ein. Diese Leitlinie war von nun an maßgebend in seinen Reden und Schriften.

Durch den Ruhm ins Rampenlicht

Schweitzer wollte sich nie mit den politischen Angelegenheiten eines Europas und einer Welt befassen, die er in weniger als dreißig Jahren zweimal auseinandergerissen sah. Doch zwei Ereignisse drängten den „größten Mann des Jahrhunderts“ (dieser Ehrentitel wurde ihm 1947 von der amerikanischen Zeitschrift „Life“ verliehen) aus der Verschanzung. Das erste Ereignis war die Verleihung des Friedensnobelpreises und seine Ansprache im Jahr 1954 [3]. Während er öffentlich seine Bewunderung für den Völkerbund und seinen Glauben an dessen Arbeit zum Ausdruck brachte, räumte er auch dessen Schwäche ein, indem er vorschlug, der 1920 gegründeten Organisation einen „ethischen Geist“ zu verleihen. Er nutzte die Gelegenheit, um sich auf Erasmus zu berufen, einen rheinischen Humanisten einer anderen Zeit und Vorreiter im Kampf gegen den Krieg durch die Förderung der Ethik [4]. Daraufhin beschäftigte sich Schweitzer mit der Wirksamkeit von Frieden, durch die Notwendigkeit und Stärke des Friedens an sich. Mit anderen Worten: Frieden durch Ideal, nicht durch Prinzip oder politisches Kalkül.

„Nur in dem Maße, in dem ein Ideal des Friedens unter den Völkern entsteht, werden die Institutionen, die geschaffen wurden, um diesen Frieden zu erhalten, in der Lage sein, ihre Aufgabe so zu erfüllen, wie wir es von ihnen erwarten und hoffen.“ [5]

Schweitzer zufolge sollte jede internationale Institution daher zuallererst auf den Wunsch nach Frieden hören, der aus den Herzen der Völker kommt. In diesem Zusammenhang kritisierte er den Nationalismus der Menschen, die bisherige Hauptschwäche der Europäer, die nur durch die Wiederbelebung dieses humanitären Ideals zurückgedrängt werden könne.

Für das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Das zweite bedeutende Ereignis, das Doktor Schweitzers unpolitische Haltung erschütterte, war der Tod seines Freundes Albert Einstein. Durch ihn war er auf den Kampf gegen Atomwaffen aufmerksam geworden – die offensichtlichste Bedrohung des Friedens in einer durch den Kalten Krieg geteilten Welt. Im März 1957 wurden die Römischen Verträge unterzeichnet, die unter anderem die Europäische Atomgemeinschaft begründeten und das Ziel enthielten, die Atomenergie nicht für militärische Zwecke zu nutzen. Einen Monat später, am 23. April 1957, hielt Schweitzer im norwegischen Rundfunk seine Rede „Das Problem der Atombombe“. Ein Jahr später wiederholte er diese Aktion, und es entstand ein Buch, das seine Radioansprachen zusammenträgt. Darin betont er den Wandel, den Europa gerade durchlaufen würde.

„Das neue Europa, dessen Völker endlich verstanden haben, dass sie auf Gedeih und Verderb untrennbar miteinander verbunden sind, ist eine neue Tatsache in der Geschichte, die keine Politik vernachlässigen kann.“ [6]

Die Atombombe war für Schweitzer ein Symbol der Abhängigkeit des Nachkriegseuropas von Amerika, hier in Bezug auf die militärische Verteidigung. Dieses Thema erlaubte es ihm, einen Diskurs zu entwerfen, der für ein vereintes Europa eintrat – ein Europa auf der Suche nach Frieden und Unabhängigkeit, das sich aus dem potenziellen Konflikt zwischen der Sowjetunion und Amerika durch die Stimme der Öffentlichkeit heraushielt. Es sei an der Zeit, dass Amerika wieder Amerika werde. Europa, dann „sich selbst überlassen, [hätte] keinen Grund zu verzweifeln“.

Erst viel später, im August 1963, griff er zur Feder, um Kennedy und Chruschtschow zur Unterzeichnung des Moskauer Abkommens zum Verbot von Atomtests in der Atmosphäre zu gratulieren. Auch wenn in der Zwischenzeit, im Februar 1960, in Frankreich der erste Atomtest durchgeführt worden war, muss man nicht zwangsläufig von einem Rückschritt sprechen: der Marsch zum Frieden war bei den europäischen Großmächten bereits im Gange. Nun blieb es abzuwarten, welchen Stellenwert die von Albert Schweitzer verteidigten Werte bei der Weiterentwicklung dieses Projekts einnehmen würden.

[1] Auszug aus der Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950

[2] Arnold, Mathieu, Albert Schweitzer, France Archives, Portail national des archives

[3] Der Nobelpreis für 1952 wurde Albert Schweitzer 1953 nachträglich verliehen, er nahm ihn aber erst am 4. November 1954 entgegen.

[4] Siehe „Die Klage des Friedens“, verfasst 1517 von Erasmus von Rotterdam

[5] Albert Schweitzer – Conférence Nobel. NobelPrize.org. Nobel Media AB 2021. Sat. 9 Jan 2021.

[6] SCHWEITZER, Albert, Paix ou guerre atomique, Albin Michel, 1958, p. 52.

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