“Statt Coca Cola, trinken wir nur noch Fritz Cola und statt auf Amazon, wird bei Kaufland bestellt.” Seit Mitte Februar verbreiten sich solche Aufrufe in den sozialen Medien, europäische Alternativen zu US-amerikanischen Produkten zu bevorzugen. Bürger:innen rufen gezielt zum Boykott amerikanischer Waren auf – als Reaktion auf die von Donald Trump ausgerufenen Zölle und politischen Signale. Doch wie realistisch ist ein rein europäischer Einkauf?
Auf dem Wochenmarkt oder bei lokalen Händlern scheint der Umstieg leicht: Mehl, Eier, Obst und Gemüse sind oft regional, weniger verpackt und von höherer Qualität. Allerdings sind diese Produkte meist teurer als im Supermarkt. Dort wird es komplizierter. Zwar ist bei Obst und Gemüse das Herkunftsland angegeben, doch nicht alle Produkte lassen sich in Europa herstellen – besonders nicht außerhalb der Saison. Wer auf bestimmte Marken setzt, hadert bei der Umstellung auf europäische Marken.
Europäische Alternativen: Apps und Webseiten als Helfer
Plattformen wie „Go European“ oder „Buy-Europe.net“ listen europäische Alternativen auf. Unter den Hashtags #GoEuropean und #BuyEuropean zeigen Nutzende Produktempfehlungen: Statt Milka gibt es Rittersport oder Lindt, statt Pringles das Snack-Universum von Lorenz. Apps wie Brandsnap.eu oder die dänische App NonUSA scannen Produkte im Supermarkt und zeigen deren Herkunft an.
Die Alternativen reichen dabei von Lebensmittel über Kleidung bis hin zu Streamingplattformen. Auch Alternativen zu Instagram, Snapchat, WhatsApp und Facebook werden gezeigt. Doch hier stellt sich dann die Frage, inwieweit ein europäisches Nischenprodukt die Funktion eines weltweiten Netzwerkes tatsächlich ersetzen kann. Viele Nutzer:innen verfolgen das Ziel, möglichst viele ihrer Freund:innen möglichst einfach zu erreichen – auch wenn die am anderen Ende des Globus leben.
Frankreichs Regierung zeigt, wie es geht
Bis 2027 sollen alle staatlichen Dienste Frankreichs auf die hauseigene Videokonferenz-Plattform Visio umsteigen. Entwickelt von der “Direction Interministérielle du Numérique” (DINUM), soll Visio die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern wie Microsoft Teams, Zoom, Google Meet, Webex und GoTo-Meeting beenden. Den Anfang macht das französische Forschungszentrum CNRS mit seinen 34.000 Mitarbeiter:innen, sowie 120.000 assoziierte Forscher:innen. Es hat angekündigt, seinen bisherigen Zoom-Vertrag bis Ende März 2026 zu kündigen. Auch die Krankenversicherung Assurance Maladie sowie die französische Generaldirektion für öffentliche Finanzen sind bereits auf Visio umgestiegen. Das Verteidigungsministerium folgt im ersten Quartal 2026.
David Amiel, Minister für öffentlichen Dienst und Staatsreform, betont: „Dieses Projekt zeigt, wie entschlossen Premierminister und Regierung sind, die digitale Unabhängigkeit Frankreichs zurückzuerobern. Wir können nicht riskieren, dass unser wissenschaftlicher Austausch, sensible Daten und strategische Innovationen außereuropäischen Akteuren ausgesetzt sind.“
Wirtschaftliche Auswirkungen: Chance oder Risiko?
Handelsexperte Gerrit Heinemann sieht wirtschaftlich und finanziell Potenzial bei einem im weitesten Sinne regionalen Umstieg. Er sagt zur Tagesschau: „Wenn das Importvolumen aus den USA sinkt, steigen automatisch die Verkäufe europäischer Produkte.“ Doch Samina Sultan, Volkswirtin am Institut der Deutschen Wirtschaft. warnt: „Das Importvolumen aus den USA ist enorm groß, und wenn das durch die Verweigerung von Käufen nach unten geht, dann gehen automatisch die Verkäufe von EU-Produkten nach oben. Es ist zu erwarten, dass alle europäischen Konsumgüterhersteller und auch deutschen Hersteller davon profitieren dürften.“
Ob der Trend anhält, wird sich zeigen. Volkswirtin Samina Sultan, warnt in der Tagesschau allerdings vor zu großen Erwartungen. Der zivilgesellschaftliche Boykott stecke noch in den Kinderschuhen. Zudem sei ungewiss, inwiefern der Boykott auch europäische Hersteller beeinflussen wird: „Es ist so, dass wir in einer sehr vernetzten und globalen Welt leben. Das heißt, Waren werden in der Regel aus verschiedenen Vorprodukten, die aus verschiedenen Ländern kommen, hergestellt. Wenn man also ein gezieltes Endprodukt boykottiert, trifft man damit sicherlich nicht nur ein Land. Daher ist die Sache doch sehr viel komplizierter.“
Fazit: Souveränität fängt im Kleinen an
Ob der europäische Konsum langfristig steigt, bleibt abzuwarten. Klar ist: Jede Kaufentscheidung kann ein Signal setzen – für mehr Unabhängigkeit und europäische Wertschöpfung. Auch hier gilt: Europa fängt mit jedem und jeder von uns an.

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