Stimmen des Klimaaktivismus

, von  Stefanie Neufeld

Stimmen des Klimaaktivismus
Bild: Unsplash / Markus Spiske / Lizenz. Bildbearbeitung: Anja Meunier

Klimaaktivist*innen aus verschiedensten Gruppierungen und Ländern sorgten im vergangenen Jahr für enorme mediale Aufmerksamkeit. Dadurch gewannen die Themen Klimawandel und Klimaschutz nicht nur Eintritt in diverse TV-Debatten, sondern auch die Zivilbevölkerung beschäftigt sich zunehmend mit dem Thema. Wir lassen heute junge Menschen zu Wort kommen, die sich für mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit engagieren.

Cylia, Grüne Jugend

"Es war nicht Greta sondern Al Gore der mich zum Klimaschutz brachte. Ich war relativ jung als ich seine Dokumentation „An Inconvient Truth“ sah. Es ist mir nicht mehr bewusst, was genau mich an diesem Film so bewegte, dass ich mich seitdem für Klima- und Umweltschutz interessiere, doch seitdem lässt mich das Thema nicht mehr los. Nach Jahren des interessiert seins gelang ich an den Punkt, aktiv werden zu müssen. Ich war ungefähr 15 Jahre alt und wurde Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und engagiere mich seitdem in der Grünen Jugend. Einer Partei beizutreten, die sich für den Umweltschutz einsetzt, war damals für mich das Naheliegendste.

Für mich trägt die Politik die Hauptverantwortung an der globalen Klimakatastrophe. Wir leben in einer Gesellschaft, die umweltschädliches Verhalten subventioniert, Konsument*innen bewusst nicht aufklärt und sich aus Bequemlichkeit und Angst davon abhalten lässt, mehr Innovation und Nachhaltigkeit zu wagen. Mein Leben komplett auf Öko zu stellen wird am Großen Ganzen nichts ändern. Wählen zu gehen und politischen Druck zu erzeugen schon, diese Meinung vertrete ich noch immer. Doch nach mehreren Jahren Aktivismus und politischem Engagement, ist das nicht mehr so leicht. Manchmal habe ich das Gefühl mit den Händen Wasser aus der Titanic zu schöpfen. Ich fühle mich machtlos. Ich habe wegen meines Engagements Klausuren verhauen, Freunde und Familie vernachlässigt. Oft fragte ich mich: Ist es das wert? Wird sich irgendwas ändern? Ich brauchte eine Pause von meinem Engagement und bewarb mich um ein Erasmussemester in Norwegen.

Aber irgendwie konnte ich es nicht lassen aktiv zu sein. Ich bin in Norwegen einer Umweltorganisation beigetreten, habe bei Fridays For Future (FFF) und gegen Öl-Bohrungen auf den Lofoten demonstriert und mehr über internationale Klimapolitik gelernt. Gleichzeitig hat mir FFF auch wieder Mut gemacht, da sich etwas verändert hat. Klimaschutz ist nun täglich in den Medien und wöchentlich auf den Straßen zu sehen, immer mehr Menschen engagieren sich dafür und erzeugen so verdammt viel Druck auf die Politik. Zurück in Deutschland engagiere ich mich nun also weiter als Delegierte für Parteitage, um die inhaltlichen Positionen der Partei mitbestimmen zu können, auf der Straße beim demonstrieren und Wahlkampf und besonders in der Bildungsarbeit für junge Aktivist*innen."


Inès, organisationslose Aktivistin

"Der Moment, in dem ich wusste, dass ich bewusster gegen den Klimawandel agieren musste, war vor einem Jahr. Ich sprach mit ein paar Freundinnen darüber, ob wir mal Kinder haben wollen und ich merkte, dass ich keine möchte. Nicht, weil ich Kinder nicht mag, sondern weil ich in diese Welt, in der wir leben, kein Kind setzen möchte. Denn was kann ich einem Kind in solch einer schon bieten? In einer Welt, die vor sich hinschmilzt, deren Wälder brennen und deren Meeresspiegel rapide ansteigen und die schon jetzt keine Grundlage mehr für ein sicheres Leben bietet.

Meiner Meinung nach liegt das Problem, dass sich trotz Bewusstsein und Prognosen tausender Wissenschaftler*innen nicht genug tut, in der Politik. Aber was wäre Politik ohne den Menschen? Wir können unser Konsumverhalten ändern, wir können andere Menschen sensibilisieren, wir können Vorbild sein und wir können Gesetze machen. Egal wie ich mein Leben gestalte, ich werde alleine durch meine Existenz auch was zum Klimawandel beitragen.

Ich versuche, meinen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten und das geht am besten im Alltag: Ich ernähre mich seit vier Jahren vegan, fahre kein Auto mehr, kaufe soweit es bei geringem Einkommen geht, unverpackt, bio, regional und saisonal. Kleidung, Möbel und Sonstiges kaufe ich secondhand. Ich tausche mich mit Freund*innen aus und versuche diese zu sensibilisieren. Obwohl ich schon lange weiß, dass Fliegen alles andere als nachhaltig ist, habe ich diesen Fakt lange verdrängt und flog trotzdem regelmäßig innerhalb Europas, nach Asien und Afrika. Das will ich ändern. Je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetze, desto mehr merke ich, dass ich radikaler handeln und mehr tun kann und muss. Das ist mein Ziel und ich weiß, dass ich und alle anderen Menschen, die in Ländern leben, die für den Klimawandel mitverantwortlich sind, dies umsetzen können. "


Luca, Fridays For Future

"Aktiv bin ich bei Fridays For Future Düsseldorf seit dem ersten internationalen Großstreik in Aachen (21.6.2019). Am Anfang habe ich noch nicht allzu viel gemacht, weil ich das System und die Arbeitsweise kennenlernen musste. Anfang August war ich dann vier Tage zusammen mit meiner Ortsgruppe (OG) beim Sommerkongress von FFF. Seitdem wirke ich bei der Organisation von den wöchentlichen Streiks immer mehr mit. Je länger man mitmacht, desto mehr rein findet und rutscht man auch hinein.

Bevor ich von Fridays for Future wusste, habe ich mich aber auch schon für Nachhaltigkeit interessiert. Ich bin zum Beispiel vegetarisch groß geworden, denn meine ganze Familie isst kein Fleisch. Um meinen persönlichen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, habe ich keinen Führerschein. Ich gedenke auch nicht, einen zu machen. Außerdem fliege ich nicht, außer wenn es unvermeidbar sein sollte. Schon immer gab es bei mir in der Familie Mülltrennung und die Wiederverwertung von allem was wiederverwertbar ist.

Mittlerweile bin ich Delegierte für die OG Fridays For Future für die Bundesebene und arbeite in mehreren Arbeitsgruppen (AG) und Taskforces (TF) mit, zum Beispiel in der Taskforce Kundgebungen, die die Kundgebungen für unsere Demo organisiert, der Taskforce Ordner*innen oder der AG Demoablauf. Bei FFF fühle ich mich als Klimaschutzbewegung am wohlsten. Es ist eine sehr junge Bewegung, die sich so organisiert, wie das Jugendliche in meinem Alter machen - das finde ich gut! In meinem Freundeskreis kommt es gut an. Viele meiner Freunde leben selbst umweltbewusst und setze sich mit solchen Themen auseinander. Manche kommen auch zu unseren größeren Demos mit.

Mit meinem Engagement möchte ich meinen Teil dazu beitragen, diese Welt vor der Klimakrise zu bewahren und unsere derzeitige Existenz und Lebensqualität zu erhalten. Außerdem möchte ich eine Änderung bei uns aber vor allem der Politik herbeiführen, damit sie aktiv und mit ausreichend guten Maßnahmen und Entscheidungen die Klimakrise bekämpft. Ich möchte helfen diese Welt vor dem totalen Kollaps zu bewahren und uns allen eine lebenswerte Zukunft sichern!"


Stella, Amnesty International

"Für Umweltschutz interessiere ich mich schon sehr lange und begann bereits mit zwölf Jahren mich, im Zusammenhang mit einer veganen Lebensweise, damit auseinander zu setzen. Deshalb wurde ich auch, sobald es mir möglich war, schnell Mitglied bei WWF und Greenpeace.

Worauf ich jedoch heute aufmerksam machen möchte ist Umweltschutz aus einer anderen Perspektive, und zwar der von Menschenrechtler*innen. Dies ist ein Thema, an welches die wenigsten bei Umweltschutz denken, doch Menschenrechte und der Schutz der Umwelt und des Klimas hängen eng zusammen.

Ich verfolge und bewundere Amnesty International bereits seit einigen Jahre und arbeite mittlerweile auch dort, wodurch ich einiges zu diesem Thema gelernt habe. Im dritten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) ist das Recht auf Leben festgehalten, welches durch den Klimawandel in mehreren Aspekten bedroht wird. Damit einher geht auch das Recht auf Nahrung und Wohnen, was bereits in vielen Teilen der Welt durch Auswirkungen des Klimawandels eingeschränkt wird. Zusätzlich kommen noch das Recht auf Wasser, Sanitäre Anlagen und Gesundheit, welche ebenfalls bei einer Erwärmung von über 2 Grad Celsius nicht mehr beziehungsweise kaum noch erfüllt werden können.

Es gibt viele gute Gründe, weshalb Greta Thunberg dieses Jahr mit dem „Ambassador of Conscience“ Award von Amnesty International ausgezeichnet wurde. Der Schutz der Menschenrechte und der Schutz der Umwelt gehen Hand in Hand, denn ohne den Umweltschutz sind auch die Menschenrechte in Gefahr. Das eine geht nicht ohne das andere."


Kai, Extinction Rebellion

"Für mich war als Arbeiterkind der Wunsch nach sozialem Aufstieg in die Wiege gelegt worden. Abi in Bayern, Studium in Münster, den Niederlanden und UK. Dazwischen Praktika und ab ins Berufsleben. Ich hatte gelernt, mir alles erarbeiten zu können. Aber die letzten Monate haben mir das Gegenteil bewiesen. Eine Freundin aus Kalifornien hat sich während der schlimmen Waldbrände dort bei mir gemeldet und meinte, dass sie den Rauch von ihrem Fenster aus sieht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie evakuiert wurde. Auch in Deutschland hatten wir mit einer massive Hitzewelle zu kämpfen. Der Regen ist ausgeblieben, der Rhein wurde immer kleiner.

Bis dahin waren alle Berichte über den Klimawandel für mich abstrakt. Ein Problem irgendwo auf der Welt, ganz weit weg. Doch sowohl bei den Buschfeuern in Australien, als auch den Taifuns in Japan waren wieder Freunde und Bekannte betroffen.

In meiner bis dahin heilen Welt passierte etwas, das ich alleine nicht kontrollieren konnte. Deswegen bin ich bei Extinction Rebellion. Es ist der Versuch, etwas zu bewegen. In den letzten Jahrzehnten wurde von Politiker*innen viel versprochen, aber wenig hat sich geändert. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob wir als Bewegung immer richtig handeln. Was ich aber weiß ist, dass nichts tun für mich keine Option mehr ist. Selbst optimistische Wissenschaftler*Innen betonen, dass wir nur zehn Jahre Zeit haben, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Die Uhr tickt.

Privat habe ich mir daher vorgenommen, erstmal weder mit dem Flugzeug zu reisen noch ein Auto zu haben. Das ist nicht leicht, vor allem weil ich eigentlich gerne reise und die Welt erkunde. Aber der Gedanke wäre für mich nicht zu ertragen, dass ich der nächsten Generation nur noch Fotos einer Welt zeigen kann, die es dann nicht mehr gibt. Darum bin ich ein Rebell."


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