15 Jahre treffpunkteuropa.de: Ehemalige Chefredakteur*innen im Interview

Tobias Gerhard Schminke : Von treffpunkteuropa.de zu Europe Elects

, von  Florian Bauer

Tobias Gerhard Schminke : Von treffpunkteuropa.de zu Europe Elects
Treffen der treffpunkteuropa.de-Redaktion im Zeitraum 2016 bis 2018 mit Chefredakteur Tobias Gerhard Schminke rechts im Bild. Fotos: zur Verfügung gestellt von Tobias Gerhard Schminke.

Tobias Gerhard Schminke hat treffpunkteuropa.de von 2016 bis 2018 geleitet - eine prägende Phase für unser Magazin und Europa. Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien, die Wahl Trumps und der Brexit waren ein Schock für progressive Stimmen in Europa und der Welt. Zugleich lösten sie aber Gegenbewegungen und ein neues Bewusstsein für die Errungenschaften der Europäischen Union aus. Tobias gründete während dieser Zeit neben dem Engagement für Treffpunkt Europa auch sein Startup „Europe Elects“, das Wahlprognosen für Europawahlen erstellt und über Wahlen in den Mitgliedsländern berichtet. Wir unterhalten uns über Skype, weil er derzeit in Halifax, Kanada lebt, wo er vor kurzem seinen Master in International Development Studies abgeschlossen hat. Es wird ein intensiver Austausch über die Herausforderungen während seiner Zeit als Chefredakteur, den Aufbau von Europe Elects und die politischen Perspektiven Europas.

treffpunkteuropa.de: Kannst du dich noch erinnern, wie du zum ersten Mal auf treffpunkteuropa.de gestoßen bist?

Tobias Gerhard Schminke: Im Vorfeld der Europawahl 2014 habe ich nach Prognosen, einer Art europaweiten Sonntagsfrage, gesucht. Diese konnte ich leider nicht finden und habe sie dann selbst errechnet. Bei der Suche danach, wo ich diese “Sonntagsfrage” veröffentlichen könnte, bin ich bei Recherchen dann auf treffpunkteuropa.de gestoßen. Ich bin also nicht wie viele andere über das Engagement bei den Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) auf treffpunkteuropa.de gekommen, sondern mein Feuer für die Idee eines europäischen Föderalismus wurde erst mit dem Treffpunkt entfacht.

Wie hat sich treffpunkteuropa.de während deiner Jahre als Chefredakteur entwickelt?

Am Anfang war unser Hauptziel, regelmäßiger Artikel zu veröffentlichen und unser Publikum zu vergrößern. Dazu haben wir die Redaktion von fünf Personen stufenweise auf zehn erweitert, waren sehr aktiv auf Facebook und Twitter und haben 2018 Instagram zu unserem Social Media Portfolio hinzugefügt. Außerdem haben wir begonnen, jährlich internationale Medienseminare mit etwa 20 Teilnehmer*innen durchzuführen, um unsere Autor*innen zu schulen und intensiv an treffpunkteuropa.de zu arbeiten. In einem Seminar ging es beispielsweise darum, wie man Podcasts produziert. Diese Seminare waren immer ein großes Highlight für mich und auch eine super Gelegenheit, sich mit den anderen Sprachversionen zu vernetzen. Gesine Weber - meine damalige Stellvertreterin - und ich haben es in diesen Jahren dann letztendlich geschafft, sogar täglich Artikel zu veröffentlichen.

Welche europäischen Ereignisse haben deine Zeit bei treffpunkteuropa.de geprägt?

Es waren leider hauptsächlich negative Nachrichten, wie die Wahl Trumps, Brexit und allgemein der Aufstieg des Populismus in Europa und der Welt. Allerdings stimmt es auch, dass diese „Bad News“ neue Aufmerksamkeit auf die EU und auf unseren Journalismus gelenkt und uns geholfen haben, unsere Leserschaft zu erweitern.

Du hast parallel zur Arbeit an treffpunkteuropa.de auch noch dein Start-Up Europe Elects vorangetrieben: Wie kam die Idee dazu und was genau macht Europe Elects?

Als ich bei der Suche nach einer Art europäischen Sonntagsfrage nichts finden konnte, war natürlich ein naheliegender Gedanke, so etwas selbst zu erstellen. Es gab außerdem keine zentrale Stelle, an der Wahlprognosen und -ergebnisse aus den Mitgliedsstaaten einfach verständlich gesammelt werden. Diese Lücke wollte ich füllen und heute gibt es auf europeelects.eu neben Wahlprognosen auch Analysen und einen eigenen Podcast! Wir verstehen uns dabei explizit als europäisches Medium und schreiben beispielsweise zu den nationalen Parteien ihre Fraktionen im Europaparlament hinzu, damit die politische Positionierung leichter von anderen Europäer*innen verstanden werden kann. Begonnen habe ich das Ganze allerdings mit einem simplen Twitter-Account, auf dem ich Wahlprognosen aus europäischen Ländern an einem Ort gesammelt habe.

Inzwischen seid ihr ein Team von 38 Freiwilligen aus ganz Europa - wie hat sich Europe Elects von einem simplen Twitter-Account dahin entwickelt?

Der Twitter-Account erfreute sich schnell hoher Beliebtheit und ein Schlüsselmoment war, als ich nach meinem Bachelorabschluss in Tansania - dort lebte ich mit einer Gastfamilie und lernte Suaheli an einer Sprachschule - einen Shitstorm erntete, weil ich aufgrund der schlechten Internetverbindung kaum mehr Updates posten konnte. Die Follower*innen beschwerten sich: “Wo bleiben die Umfragen und Analysen?” Viele der damals 30.000 Fans hatten angenommen, dass wir ein professionelles Medium - so wie etwa FiveThirtyEight [Anmerkung: US-Nachrichtenwebsite mit Schwerpunkt auf Wahlprognosen] – sind. Da wusste ich, dass ich ein Team brauche, welches mich verstärkt und unser Projekt weiter vorantreibt, wenn ich mal nicht kann. Dafür haben sich dann schnell Freiwillige aus ganz Europa und aus verschiedensten Ecken des politischen Spektrums gefunden, die mir seitdem helfen, die Website und die verschiedenen Social Media Kanäle zu bespielen.

Was siehst du als das Besondere von europäischen Medien wie Europe Elects oder auch treffpunkteuropa.de mit seinen Partnermagazinen?

Nationale Medien bleiben meist in ihren nationalen Narrativen, wodurch verzerrende, stereotypische Ansichten über andere Europäer*innen entstehen. Ein Beispiel für zerstörerische nationale Narrative sind die „faulen Griech*innen“ gegenüber den deutschen „Austeritäts-Nazis“. Wenn von Anfang an Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern einbezogen sind, gelingt es besser, eine wirklich europäische Perspektive zu vertreten und diese Stereotypen zu überwinden. Wir führen in unserem Team auch oft kontroverse Diskussionen über die Bezeichnung von einzelnen Parteien, wie etwa der italienischen Lega. Im italienischen Kontext bezeichnet man sie als “mitte-rechts”, deutsche Medien nennen sie “rechtsextrem”. Was stimmt also? Der Teufel steckt häufig im Detail. Wenn man nicht auf die Wortwahl achtet, kommt es zu Missverständnissen. Bei Europe Elects arbeiten wir daran, einheitliche und für alle Europäer*innen verständliche Inhalte zu schaffen. Und ich bin davon überzeugt, dass wir - in Hinsicht auf Wahlen - einen besseren Job machen als unsere kommerziellen Wettbewerber. Meine Zeit bei treffpunkteuropa.de hat mich für diese paneuropäischen Spitzfindigkeiten sensibilisiert. Im Fall der Lega haben wir uns übrigens letztlich für das Label “right-wing” entschieden.

Wie schätzt du die Hoffnung von manchen ein, dass sich konservativ-grüne Koalitionen als ein Zukunftsmodell in Europa durchsetzen könnten? In Österreich hat sich jetzt eine solche Koalition gebildet.

Ich halte das für eher unwahrscheinlich. Die „grüne Welle“, die bei den Europawahlen für Überraschung gesorgt hat, ebbt spürbar ab und war zudem von Beginn an eher nur ein zentral- und westeuropäisches Phänomen. Für 2021 halte ich eine Koalition aus Christdemokraten und Grünen in Deutschland nicht für unwahrscheinlich - in den meisten anderen Ländern in der EU fehlt es entweder an Mehrheiten oder am politischen Willen eine konservativ-grüne Koalition einzugehen.

Du hast wohl wie kaum ein anderer die politischen Trends der letzten Jahre in Europa verfolgt, welche Hauptentwicklungen siehst du?

Schon seit 10 bis 20 Jahren kommt es zu einer Fragmentierung des Parteienspektrums und Verlusten der großen traditionellen Parteien der Mitte. Davon profitieren hauptsächlich linksliberale und rechte Parteien. Das macht das Regieren schwieriger, weil sich Koalitionen nicht mehr nur mit zwei Partnern machen lassen. Es kommt in vielen Ländern in Europa zu Koalitionen mit drei oder sogar vier Parteien. Wirklich besorgt macht mich aber der Zuwachs an militanten Rechten, die vor politischer Gewalt nicht zurückschrecken. Das zeigt etwa der Mord an Walter Lübcke. In Kanada lebend - wo solche beinahe regelmäßigen terroristischen Akte aktuell undenkbar wären - befürchte ich in den letzten Monaten, dass sich die Mainstream-Gesellschaft zu sehr an Rechtsterrorismus gewöhnt hat und ignoriert, wie dieser in Kombination mit Alltagsrassismus die Teilhabe von Minderheiten am gesellschaftlichen Leben zunichte macht.

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